Ereignismeldung UdSSR Nr. 164 vom 4.2.1942
Bundesarchiv R58/217
Operational Situation Report
USSR No. 164 of 4.2.1942
Bundesarchiv R58/217
Quote:
[...]Judenerfassung
in Charkow
Im Rahmen des S.K. 4 a wurden die umfangreichen Vorbereitungen, die im Rahmen
der allgemeinen Judenerfassung in Charkow notwendig wurden, beschleunigt
betrieben. Es galt zwar in erster Linie geeignetes Gelände für die Evakuierung
der Juden im engsten Einvernehmen mit dem Quartieramt der Stadt zu ermitteln.
Es wurde ein Geländeabschnitt gewählt, wo die Juden in den Baracken eine
Werksiedlung untergebracht werden konnten. Am 14.12. 1941 erschien dann ein
Aufruf des Stadtkommandanten an die Juden von Charkow, worin diese aufgefordert
wurden, sich bis zum 16.12.1941 in die im Aufruf näher bezeichnete Siedlung zu
begeben. Die Evakuierung der Juden verlief bis auf einige Plünderungen, die
sich auf dem Marsche der Juden zu den neuen Quartieren ereigneten und an denen
sich fast ausschließlich Ukrainer beteiligten, reibungslos. Ein zahlenmäßiger Überblick
über die bisher durch die Evakuierung erfaßten Juden liegt noch nicht vor. Die
Zählung der Juden ist eingeleitet. Gleichzeitig sind die Vorbereitungen für die
Erschießungen der Juden im Gange. 305 Juden, die der deutschen Wehrmacht abträgliche
Gerüchte verbreiteten, wurden sofort erschossen. [...]
My translation:
Quote:
[...]Collecting Jews in Kharkov
Within the scope of S.K. 4 a the extensive preparations required within the
scope of the general collection of the Jews of Kharkov were carried out at an
accelerated pace. The priority was to find an appropriate area for the
evacuation of the Jews in close co-ordination with the quarters service of the
city.
An area was chosen where the Jews could be accommodated in the barracks of a
labor settlement. On 14.12.1941 a proclamation by the city commander to the
Jews of Kharkov appeared wherein they were called upon to move to the
settlement described in the proclamation until 16.12.1941. The evacuation of
the Jews was carried out without incidents except for some looting that took
place on the march of the Jews to their new quarters and in which almost
exclusively Ukrainians took part. A numeric overview of the Jews collected so
far in the evacuation is not yet available. At the same time preparations for
the shootings of the Jews are taking place. 305 Jews who spread rumors
unfavorable to the Wehrmacht were immediately shot. [...]
Protokoll der Auerordentlichen
Kommission fr die Stadt Charkow zur Untersuchung der dortigen Verbrechen vom
5.9.1943
ZStdLJV, 4 AR-Z-269/60,
Dokumentenband, Bl. 164-169, Zitat Bl. 164 f.
Protocol of the Extraordinary State Commission For The
City Of Kharkov To Investigate The Crimes There Committed, 5.9.1943
ZStdLJV, 4 AR-Z-269/60,
collection of documents, pages 164-169, quote pages 164 and following.
(ZStdLJV = Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklrung
Nationalsozialistischer Verbrechen, Central Office of the Judicial
Administrations of the Federal States for the Investigation of National
Socialist Crimes, Ludwigsburg, Germany)
Quote:
[...]Nach
unvollständigen Angaben wurden allein im Monat Dezember 1941 und Januar 1942 in
der Nähe des Vorwerkes Rogan, acht km von Charkow entfernt, in der sogenannten
Drobizker Mulde über 15 000 Juden, Einwohner der Stadt Charkow, erschossen.
Diese ungeheuerlichen Verbrechen an der friedlichen Bevölkerung werden bestätigt
durch Zeugenaussagen, das gerichtsmedizinische Gutachten und anderes
Dokumentenmaterial. [...]
Am 14 Dezember 1941 wurde von dem deutschen Militärkommandanten der Stadt
Charkow ein Befehl herausgegeben, demzufolge die gesamte jüdische Bevölkerung
der Stadt innerhalb von zwei Tagen an den Stadtrand umziehen mute, in die
Baracken eines Maschinenbaubetriebes. In dem Befehl hieß es, daß Personen, die
dieser Aufforderung nicht nachkommen, erschossen werden würden. So bewegte sich
einige Tage später in Richtung der Umsiedlungsstätte eine vieltausendköpfige
Menge von Alten, Frauen und Kindern durch die Strassen der Stadt. Weil es
verboten war, nach 16 Uhr durch die Stadt zu gehen, aber viele von den
Umziehenden sich in dieser Zeit noch unterwegs befanden, kam die Bewegung zum
Stillstrand. Die Leute übernachteten auf der Strasse, unter freiem Himmel, in
dem eisigen Frost. Infolgedessen starben viele von ihnen schon auf dem Wege.
[...]
My translation:
Quote:
[...]According to incomplete data in the months of
December 1941 and January 1942 in the proximity of the Rogan works, eight
kilometers away from Kharkov, in the so-called
Drobizk Ravine, over 15 000 Jews, inhabitants of the city of Kharkov, were shot. These monstrous crimes
against the peaceful population are confirmed by the depositions of witnesses,
the forensic medical report and other documentary material. [...]
On 14 December 1941 the German military commander of the city of Kharkov issued an order,
according to which the whole Jewish population was to move to the city
periphery within two days, into the barracks of the works of a machine factory.
In the order it was stated that people who did not follow this order would be
shot. Thus several days later a crowd of many thousands of elder people, women
and children was moving in the direction of the resettlement site through the
streets of the city. As it was forbidden to walk through the city after 16
hours, but many of those to be resettled were still on their way at this time,
the movement stopped. The people spent the night on the street, under open sky,
in icy frost. Due to this many of them died already on the way. [...]
Aussage von Phillip F,
ehemaliger Angehöriger der 297. Infanteriedivision, am 23. Mrz 1961
HHStAW, 631 a, 1856, Bl.
223-227, Zitat Bl. 225 f.
Deposition of Phillip F, former member of the 297th
Infantry Division, on 23. March 1961
HHStAW, 631 a, 1856, pages
223-227, quote page 225 and following.
(HHStAW = Public Prosecutors
Office of the City of Hamburg)
Quote:
[...]
Es war Mitte Dezember 1941, als ich mich für einige Wochen in Charkow aufhielt.
Ich weiß heute noch ganz genau, daß es am 15.12.41 war, als ich in Charkow sah,
wie ein mehrere Kilometer langer Zug von Juden in langen Reihen mit Handwagen
und Gepäck von der Stadt sich Richtung Osten zur Traktorenfabrik bewegte. Das
Traktorenwerk ist etwa 15 km vom Stadtzentrum entfernt. Unter den Juden
befanden sich Männer, Frauen und Kinder. Einzelne Wagen wurden von kleinen
Pferden gezogen, die teilweise unter ihrer Last zusammenbrachen. Auf den
Fahrzeugen waren teilweise auf dem Gepäck Kleinkinder, Frauen und gebrechliche
Personen aufgesessen. Dabei herrschte eine Kälte von ca. 15 Grad. Die vorüberziehenden
Juden betrachtete ich eine volle Stunde und der Zug hörte immer noch nicht auf.
Ich schätze die Anzahl der Juden, die an diesem Tag von Charkow zu dem
Traktorenwerk geführt wurden, auf ca. 15 000 Personen.
Ich habe noch in Erinnerung, daß der Zug von Uniformierten abgesperrt und
bewacht wurde. Ich kann aber heute nicht mehr sagen, ob es sich dabei um
SS-Angehörige oder ukrainische Hilfspolizei in Uniform handelte. Ich konnte
nicht beobachten, daß dabei Mißhandlungen von Juden vorgekommen sind. Als ich
am nächsten Tag mit meinem Fahrzeug von Charkow nach Tschugew fuhr, benützte
ich dieselbe Strasse, die am Tage zuvor der Judenzug benützt hatte. Dabei sah
ich unterwegs wiederholt links und rechts der Strasse Leichen liegen, die von
dem Zuge der Juden stammten. Ob diese Juden durch Mißhandlungen bzw. Erschießungen
oder an Entkräftung gestorben sind, vermag ich nicht zu sagen. Die Leichen
lagen verlassen da, niemand hat sich um sie gekümmert.
Ich weiß deshalb noch genau daß die Juden am 15.12.41 von Charkow zu dem
Traktorenwerk geführt wurden, weil damals in der Stadt überall Plakate in deutscher
und russischer Sprache aufgehängt waren, auf denen die Juden aufgefordert
wurden, sich an einem bestimmten Platz der Stadt zum Abtransport zu sammeln.
Von welcher Dienststelle die Plakate ausgehängt wurden, weiß ich heute nicht
mehr. Es ist mir aber noch genau erinnerlich, daß als Versammlungstermin der
15.12.1941 genannt war. [...]
My translation:
Quote:
[...] It was in the middle
of December 1941, when I spent several weeks in Kharkov. I still know exactly today that it
was on 15.12.41 when I saw in Kharkov
how a trek several kilometers long of Jews in long rows with handcars and
luggage moved from the city eastwards to the tractor factory. The tractor
factory is about 15 km away from the city center. Among the Jews there were
men, women and children. Some cars were drawn by small horses which sometimes
broke down under their load. On the cars there were sometimes little children,
women and sick people sitting on the luggage. The cold was about 15 degrees
(celsius) below zero. I watched the Jews passing by for a full hour and still
the trek didn’t end. I estimate the number of Jews who on this day were led
from Kharkov to
the tractor factory at ca. 15 000 persons.
I still recall that the trek was secluded and guarded by uniformed men. I cannot
tell anymore today, however, whether these were members of the SS or Ukrainian
auxiliary police in uniform. I didn’t observe any mistreatment of the Jews
during this. When on the next day I drove in my car from Kharkov to Tshugev, I used the same road that
the trek of Jews had used on the previous day. On the left and right side of
the street I repeatedly saw corpses that were from the trek of the Jews.
Whether these Jews had died from mistreatment or shooting or from exhaustion I
cannot tell. The corpses lay there abandoned and nobody cared about them.
The reason why I know exactly that the Jews were led to the tractor factory on
15.12.41 is that at that time there were posters in German and Russian language
hanging everywhere in the city, on which the Jews were called upon to gather at
a certain place of the city in order to be taken away. I no longer know today
what service had issued these posters. But I still remember exactly that
15.12.1941 was mentioned as the day of gathering. [...]
Aussage des Karl G. ehemaliger
Angehöriger des Polizeibataillons 314, 9 November 1964
HHStAW, 631a, 1868, Bl.
2551-2555. Zitat Bl. 2553
Deposition of Karl G., former
member of police battalion 314, 9 November 1964
HHStAW, 631a, 1868, page
2551-2555, quote page 2553
Quote:
[...] Ich bin der Meinung, da die Judenexekutionen bei Charkow zu Beginn des Jahres 1942 stattgefunden haben. Zumindest war ich vorher nie bei einer solchen Exekution zugegen. Die Juden waren in Charkow in einem Ghetto etwas außerhalb der Stadt gesammelt untergebracht und von uns bewacht worden. Eines Tages, es war sicher nach Weihnachten 1941, wurde ich zu einer Geländeabsperrung ebenfalls außerhalb der Stadt Charkow kommandiert. Unter welcher Führung ich damals stand, weiß ich nicht mehr. Wir wurden in ein hügeliges Gelände gebracht, wo wir einen großen Absperrungsring zu bilden hatten, der von der Zivilbevölkerung nicht betreten werden durfte. In dieses Gebiet wurden vom SD die Juden aus dem Ghetto mit Lastkraftwagen abtransportiert. Die Juden muten sich entkleiden und in der Nähe oder unmittelbar in Erdrissen niederlegen. Es handelte sich um natürliche Erdrisse und nicht etwa um Panzergräben oder sonstig geschaufelte Gruben. In diesen Gruben wurden die Juden vom SD erschossen. Die Anzahl der in diesem Gebiete erschossenen Juden ist mir nicht bekannt, doch glaube ich, da es eine größere Anzahl gewesen ist, weil die Erschießungen einige Tage dauerten. Ich habe nicht gesehen, daß Polizeiangehörige bei den Exekutionskommandos mitgewirkt hätten. [...]
My translation:
Quote:
[...] In my opinion the executions of Jews at Kharkov took place at the beginning of the year 1942. At least I never was present at such an execution before. The Jews in Kharkov had been gathered in a ghetto somewhat outside the city and were guarded by us. One day, it was certainly after Christmas 1941, I was commanded to seclude an area also outside the city of Kharkov. Under what leadership I was then I no longer know. We were taken to hilly terrain where we had to form a huge seclusion ring that the civilian population was not allowed to enter. Into this area the Jews from the ghetto were taken with trucks. The Jews had to undress and to lie down nearby or right inside crevices in the earth. The crevices were natural ones and not tank ditches or other dug-outs. In these pits the Jews were shot by the SD. The number of Jews shot in this area is not known to me, but I think that it was a larger number because the shootings lasted several days. I didn’t see members of the police being part of the execution detachments. [...]
Aussage der Viktor T.,
ehemaliger Angehöriger des Sonderkommandos 4 a, 25 Juni 1960
ZStdLJV, 4AR-Z 269/60, Bd. 1,
Bl. 1-18, Zitat Bl. 16 f.
Deposition of Viktor T., former member of Sonderkommando
4 a, 25 June 1960 ZStdLJV, 4AR-Z 269/60, Volume 1, page 1-18, quote page 16 and
following
Quote:
[...]
Mit einem LKW und verschiedenen PKWs, in denen die Führer fuhren, ging es zur
Stadt hinaus in Richtung Traktorenwerk. Ca 5-10 km hinter dem Traktorenwerk
hielten wir in einem freien Gelände an. Ganz in der Nähe des Exekutionsplatzes
was eine Flakstellung. Die Juden befanden sich bereits am Platze. Es waren
bereits Angehörige unseres Kommandos zugegen, welche die Juden bewachten. Die Erschießung
dieser Juden wurde in einer Schneise durchgeführt. Es war eine Kluft, welche
bis in die Mitte eines größeren Hügels ging.
Ich wurde dem Erschießungskommando zugeteilt. Das Exekutionskommando in Stärke
von 10Mann begab sich in diese Kerbe, die ca. 20 m in den Berg hineinging. Die
Juden wurden in Gruppen von 20-25 man hineingeführt und muten sich dort auf den
Boden legen. Sie wurden mit der Maschinenpistole durch Genickschuß erschossen.
Die Erschießung dauerte nicht lange, schätzungsweise 1 Stunden. Der gesamte
Vorgang dauerte länger, da wir durch russische Flieger laufend beschossen
wurden. Bei dieser Beschießung wurde bereits ein Teil dieser Juden getötet.
Auch ein Kdo.-Angehöriger wurde durch den Beschuß verletzt. Das Kdo., welches
als Schützen eingeteilt war, wurde bei dieser Exekution nicht abgelöst. Die
ansteigenden Wände wurden danach auf die Leichen gesprengt.
In Charkow wurden aber m.W. noch vielmehr Juden liquidiert, wie in der
Ereignismeldung angegeben sind. Die weiteren Exekutionen erfolgten nicht mehr
durch Erschießen, sondern durch den Einsatz eines Gaswagens. Dieser Wagen, der
bereits in Poltawa eingesetzt war, kam in Kiew und in der Folgezeit auch in
Charkow in den Einsatz. [...]
My translation:
Quote:
[...] With a truck and several passenger cars in which
the commanders drove we went out of the city in the direction of the tractor
factory. About 5-10 km after the tractor factory we stopped in an open area.
Close to the execution site there was an anti-aircraft gun emplacement. The
Jews were already at the place. There were members of our detachment present
who were guarding the Jews. The shooting of the Jews was carried out in a
ravine. It was a crevice which went up to the middle of a larger hill.
I was ordered to the execution detachment. The execution detachment with a
strength of 10 men entered the crevice that went about 20 meter inside the
mountain. The Jews were led inside in groups of 20-25 people and had to lay
down on the ground. They were shot in the neck with machine pistols. The
shooting didn’t last long, approximately 1 hours. The whole procedure lasted
longer because we were constantly fired at by Russian planes. Due to this fire
a number of these Jews were already killed. A member of the detachment was also
wounded by the fire. The detachment which had to do the shooting was not
relieved during the execution. The rising walls were then blown up onto the
corpses.
As far as I know, however, more Jews were liquidated in Kharkov than are mentioned in the Operation
Situation Report. The ensuing executions were no longer carried out by shooting
but by using a gas van. This van, which had already been used in Poltava, was also used at Kiev
and thereafter also at Kharkov.[...]
The
above texts were taken from:
Verbrechen der Wehrmacht
Dimensionen des
Vernichtungskrieges 1941-1944
Ausstellungskatalog
Pages 182 - 185
